16 March 2026, 10:41

Gockels radikale Wallenstein-Neuinszenierung verbindet Schiller mit Prigoschin und Puppenspiel

Ein altes Buch mit einem Umschlag, der einen Mann in Anzug und Krawatte zeigt, mit dem Titel in russischer Sprache.

Gockels radikale Wallenstein-Neuinszenierung verbindet Schiller mit Prigoschin und Puppenspiel

Die Münchner Kammerspiele zeigen eine mutige Neuinszenierung von Friedrich Schillers Wallenstein. Regisseur Jan-Christoph Gockel hat den Klassiker mit radikalen Kürzungen, hinzugefügten Prologen und einer ungewöhnlichen Marionettenkonstruktion neu interpretiert. Die Aufführung verwebt dabei moderne Parallelen und verbindet Geschichte mit aktuellen Ereignissen auf überraschende Weise.

Der Abend begann mit Serge, einem russischen Performer und Regisseur, der einen Vortrag über Jewgeni Prigoschin hielt – den Wagner-Gruppen-Chef, der Putin mit Söldnern versorgte. Mit Humor, Fotos und Kurzfilmen zog er Verbindungen zwischen Prigoschins Aufstieg und Wallensteins Niedergang. An einer Stelle verwandelte er mit einem Harry-Potter-"Ridikulus"-Zauber Angst in Gelächter und verglich Krieg mit Kochen: "Kochen ist Krieg".

Gockels Inszenierung präsentierte eine eindrucksvolle Küchenszene, in der das Ensemble an einer langen Theke Speisen zubereitete. Dieses "Schlachtmahl in sieben Gängen" ließ Wallensteins Geschichte und Prigoschins moderne Konflikte nebeneinander entstehen. Das Publikum wurde ebenfalls einbezogen und las aus Serges Recherchen über Soldaten vor – eine Technik, inspiriert von Heiner Müller.

Einer der prägnantesten Momente kam nach sechs Stunden, als eine Marionettenvorrichtung den gelähmten Körper von Samuel Koch für kurze Zeit bewegte. Koch, gesteuert vom Apparat, führte einige Armbewegungen aus und machte zwei große Schritte. Daneben bereicherten Maria Moling und Annette Paulmann die Produktion mit musikalischen und puppenspielerischen Einlagen.

Der Dramaturg Sergei Okunev fügte seine Erkenntnisse über Prigoschin mit lockerem, fesselndem Erzählstil in die Vorstellung ein. Er mischte Live-Kameraaufnahmen vom Kochen mit Kriegsbildern und unterstrich damit Thesen wie "Der Krieg ernährt den Krieg". Ein Kinderbuch, das er präsentierte, warnte davor, Kriegsprofiteuren wie Prigoschin zu viel Macht zu geben.

Die Produktion griff tief in Schillers Original ein und verknüpfte es mit zeitgenössischer Politik und experimentellem Theater. Kochs Marionettensequenz, die Küchenschlacht-Szenen und die Einbindung des Publikums schufen eine Aufführung, wie es sie so noch nicht gegeben hat. Die Vorstellung hinterließ beim Publikum eine Mischung aus Geschichte, Satire und drastischen Mahnungen an die immerwährenden Kreisläufe des Krieges.

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