Karenztage: Warum die Rückkehr der Lohnkürzung im Krankheitsfall polarisiert
Adelinde WalterKarenztage: Warum die Rückkehr der Lohnkürzung im Krankheitsfall polarisiert
Vorschlag zur Wiedereinführung von Karenztagen löst bundesweite Debatte aus
Die Idee, Karenztage – also die vorübergehende Aussetzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall – wieder einzuführen, sorgt in Deutschland für kontroverse Diskussionen. Während einige Wirtschaftsforschungsinstitute das Modell befürworten, stoßen es Gesundheitsfachleute, Gewerkschaften und Arbeitnehmer auf massive Ablehnung. Statt Leistungen zu kürzen, überdenken Unternehmen zunehmend ihren Umgang mit betrieblicher Gesundheit und Vertrauenskultur.
Das ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung und der Kronberger Kreis schlagen die Karenztage als Instrument vor, um die Effizienz im Krankschreibungswesen zu steigern. Ihrer Ansicht nach ließe sich so die Zahl unnötiger Fehltage verringern. Juristen weisen jedoch darauf hin, dass eine solche Regelung eine völlig neue gesetzliche Grundlage erfordern würde, da das aktuelle Arbeitsrecht unbezahltes Krankfeiern nicht vorsieht.
NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hat die Rückkehr der Karenztage öffentlich abgelehnt. Sein Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales setzt stattdessen auf eine Unternehmenskultur, die Prävention und Gesundheitsförderung in den Mittelpunkt stellt. Diese Haltung entspricht einem wachsenden Trend: Immer mehr Betriebe priorisieren bessere Arbeitsbedingungen und vertrauensbasierte Personalpolitik.
Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK), warnt, dass eine Kürzung des Krankengeldes Beschäftigte dazu zwingen könnte, zu früh an den Arbeitsplatz zurückzukehren – mit der Folge, dass sich Krankheiten verlängern und die Fehlzeiten langfristig sogar steigen. Seine Position wird durch die TK-Studie #waskommtalsnächstes gestützt, in der sich zwei Drittel der Befragten gegen eine Reduzierung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall aussprachen.
Die Personalexpertin Magdalena Rogl kritisiert die einseitige Fixierung auf die Krankengelddebatte. Sie fordert einen grundlegenden kulturellen Wandel und appelliert an Arbeitgeber, führsorgliche Führung zu praktizieren und die gesundheitlichen Belange ihrer Mitarbeiter ernst zu nehmen. Viele Unternehmen investieren mittlerweile lieber in betriebliche Gesundheitsförderung, statt Abwesenheiten zu bestrafen.
Die Diskussion um die Karenztage hat Firmen dazu gebracht, ihre Personalpolitik zu überdenken. Ohne rechtliche Grundlage bleibt der Vorschlag vorerst undurchsetzbar. Stattdessen setzen Betriebe auf Vertrauen, Gesundheitsinitiativen und eine unterstützende Führungskultur, um das Problem der Fehlzeiten nachhaltig anzugehen.






