Marathon-Theater: Warum deutsche Bühnen auf siebenstündige Epen setzen
Adelinde WalterMarathon-Theater: Warum deutsche Bühnen auf siebenstündige Epen setzen
Deutsches Theater und die Tradition der Marathon-Aufführungen
Seit den 1970er- und 1980er-Jahren ist das deutsche Theater für seine extrem langen Stücke bekannt – ein Trend, der bis heute anhält. Aktuelle Produktionen dauern nicht selten sieben Stunden oder mehr. Auch beim diesjährigen Berliner Theatertreffen, einem der renommiertesten Festivals des Landes, stehen wieder ausufernde Inszenierungen auf dem Programm, die das Durchhaltevermögen des Publikums auf die Probe stellen.
Den Ursprung dieser Tradition markierte das Aufkommen des Regietheaters in den 1970er- und 1980er-Jahren. Pioniere wie Peter Stein und Frank Castorf sprengten damals die Grenzen des Machbaren und schufen immersive, episch angelegte Stücke. Ein Extrembeispiel war Luk PercevalsSchlachten bei den Salzburger Festspielen 1999, das ganze zwölf Stunden dauerte.
In jüngerer Zeit brachte das Schauspielhaus Bochum 2023 eine siebenstündige Fassung der Brüder Karamasow auf die Bühne. Beim diesjährigen Theatertreffen ist mit den Münchner KammerspielenWallenstein: Ein Festmahl in sieben Gängen zu sehen – ein weiteres siebenstündiges Mammutprojekt. Auch die Berliner Volksbühne nimmt sich mit einer Neuinszenierung von Peer Gynt des Themas an, dessen erster Teil einst allein acht Stunden dauerte.
Die Pandemie unterbrach den Trend kurzzeitig: Viele Häuser setzten auf kürzere, durchgehende Stücke ohne Pause. Doch die Faszination für Theater-Marathons ist ungebrochen. Nora Hertlein-Hull, Leiterin des Berliner Theatertreffens, erlebte ihre erste ultra-lange Aufführung 2007 beim Wiener Festwochen. Zwar gibt es keine offiziellen Statistiken – der Deutsche Bühnenverein erfasst keine Spieldauern –, doch bleiben diese ausgedehnten Werke ein prägendes Merkmal der deutschen Theaterlandschaft.
Das Berliner Theatertreffen beweist einmal mehr die anhaltende Strahlkraft solcher Langzeit-Produktionen. Das Publikum strömt nach wie vor zu siebenstündigen Epen, genau wie vor Jahrzehnten. Zwar führte die Pandemie vorübergehend zu kürzeren Formaten, doch die Tradition des Marathon-Theaters lebt in den angesehendsten Häusern des Landes weiter.






